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Foto Katrin Luebbert
Verantwortlich für diese Seite ist Karin Lübbert, tätig als Psychotherapeutin in Hamburg Winterhude

Verantwortlich für diese Seite ist Karin Lübbert, tätig als Psychotherapeutin in Hamburg Winterhude

Foto Katrin Luebbert




Foto Katrin Luebberteine Mutter wurde als Tochter eines Bauernpaares in Entre Rios geboren. Sie war ein Landei, das unter allerlei Getier aufwuchs. Eines Morgens während sie durch den Wald streifte und herab gefallene Zweige als Ofenholz zusammensuchte, sah sie an einem angebrochenen Ast eine verpuppte Raupe hängen. Sie hielt es für sicherer, die arme Larve mit nach Hause zu nehmen, dort konnte sie sich liebevoll um sie kümmern. Zu Hause legte sie sie unter eine Lampe, damit sie es warm hatte, und rückte sie in die Nähe eines Fensters, damit sie genügend Licht bekam. Über Stunden wich meine Mutter ihr nicht von der Seite, um sie zu beschützen, und wartete auf den großen Moment. Nachdem sie bis zum Morgengrauen ausgeharrt hatte, sah sie, wie der Kokon aufriss und ein winziges haariges Beinchen herauslugte. Es war ein magischer Moment, und laut ihrer Erzählung glaubte meine Mutter, einem Wunder beizuwohnen. Aber plötzlich drohte sich das Wunder in eine Tragödie zu verwandeln. Der kleine Schmetterling schien nicht genügend Kraft zu haben, um die Haut seines Kokons zu durchstoßen. Sosehr er sich auch abmühte, es gelang ihm nicht, aus dem Löchlein in seinem durchscheinenden Häuschen zu kriechen. Meine Mutter konnte nicht tatenlos zusehen. Sie rannte in die Abstellkammer und kam mit einer feinen Pinzette und einer spitzen Schere zurück, die meine Großmutter für ihre Stickereien benutzte. Ganz behutsam, um das Insekt ja nicht zu verletzen, schnitt sie eine Öffnung in den Kokon, damit der Schmetterling sich aus seiner Umhüllung befreien konnte. Nach ein paar bangen Minuten gelang es dem Schmetterling, aus seinem Gefängnis auszubrechen und er taumelte dem Tageslicht entgegen.

Meine Mutter erzählte, wie sie voller Rührung das Fenster geöffnet habe, um den Neuankömmling zu seinem ersten Flug zu geleiten. Doch der Schmetterling flog nicht davon, nicht einmal, als sie ihn mit der Spitze der Pinzette anstupste.

Meine Mutter glaubte, er fürchte sich vor ihr, und ließ ihn am offenen Fenster zurück, fest überzeugt, er wäre bei ihrer Rückkehr nicht mehr da. Nachdem sie den ganzen Nachmittag über draußen gespielt hatte, kehrte sie in ihr Zimmer zurück und sah am Fenster ihren bewegungslosen Schmetterling liegen, die Flügel an den Leib gepresst, die Beinchen Richtung Decke gestreckt. Meine Mutter schilderte uns immer, wie sie das Insekt voller Sorge zu ihrem Vater trug, um ihm zu berichten, was vorgefallen war, und ihn zu fragen, was sie noch tun könne, um ihm zu helfen. Mein Großvater, der einer jener weisen Analphabeten war, wie es sie immer wieder auf der Welt gibt, strich ihr über den Kopf und sagte, sie könne nichts weiter tun, und tatsächlich wäre es hilfreicher gewesen, wenn sie etwas weniger geholfen hätte.

Ein Schmetterling muss sich selbst unter solcher Riesenanstrengung aus seinem Gefängnis befreien, damit er lebensfähig ist, denn in dieser zeit, erklärte mein Großvater, schlägt sein Herz mit voller Kraft, und der Druck, der dabei in seinem winzigen Kreislauf entsteht, pumpt ihm das Blut in die Flügel, die sich dann ausbreiten und ihm das Fliegen ermöglichen. Der Schmetterling, der mit Hilfe meiner Mutter aus dem Kokon gekrochen war, konnte seine Flügel nicht entfalten, weil sie ihn nicht um sein Leben hatte kämpfen lassen. Meine Mutter sagte uns immer, wie oft sie uns gern den Weg geebnet hätte, sich aber an den Schmetterling erinnerte und uns unsere Flügel lieber aus eigener Kraft voll pumpen ließ.


Linie Katrin Luebbert



Aus "Zähl auf mich" von Jorge Bucay
Mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlags GmbH, Frankfurt am Main,
Fischer Taschenbuch Verlag, 2012